Wann ist Lehrverhalten Gewalt?

Lehrergewalt gegen Schüler


 









Während Gewalt von Schülerinnen und Schülern ein gängiges Thema in Medien und Forschung ist, kommt Fehlverhalten von Lehrkräften doch kaum vor. Unprofessionelles oder gar "gewaltförmiges" Lehrverhalten in den Interaktions- und Kommunikationsbeziehungen wird bisher kaum thematisiert. Die wenigen Studien, die es gibt, weisen allerdings darauf hin, dass Gewalt bei vielen Lehrkräften zum täglichen Verhaltensrepertoire gehört.

 In jüngster Zeit gibt es zahlreiche Bemühungen, den Blick auf „problematisches“ Verhalten von  Lehrerinnen und Lehrern zu richten. Dieser Perspektivenwechsel ist vor allem auf die zunehmende Sensibilisierung für die Bedürfnisse der Kinder infolge der Diskussion um Kindeswohl, Kinderrechte und Kinderschutz und auf die Aktivitäten für eine Demokratisierung der Schule zurückzuführen. 

Hierbei geht es um einen pädagogisch angemessenes, professionelles Lehrerhandeln und um demokratische und partizipatorische Strukturen an Schulen, in denen die Bedürfnisse und Interessen der Heranwachsenden ernst genommen und deren Rechte ebenso, wie die der Lehrpersonen geachtet und garantiert werden.

Zitat eines Gesamtschülers, 16 Jahre aus Köln: „Viele Lehrer sind total krass drauf. Uns hat mal ein Deutschlehrer gesagt: „Aus euch wird sowieso Nix, aber ich muss euch heute wieder was beibringen!“

Ein Fallbeispiel alltäglicher „Lehrergewalt“

 An einer Grund- und Hauptschule ordnete der Schulleiter die Abschaffung des Klopapieres auf den Toiletten an, nachdem einige Male mit Klopapier gezündet worden war. Die Schüler sollen ihr privates Papier mitbringen. 

Ein ernst gemeinter Vorschlag eines Kollegiums während eines Fachtages zum Thema „adäquater Sanktionen nach aggressivem Schülerverhalten“. Die betreffenden Schüler sollten „den Tisch im Lehrerzimmer decken“. Begründung: Sie haben der Gemeinschaft Schaden zugefügt und sollen das an der Gemeinschaft wieder gut machen. 

Autos der Kollegen zu waschen wurde „nur im Spaß“ als Sanktion geäußert. Hier offenbart sich ein fragwürdiges Denkmuster: mehr Strafe Helfer mehr. Wohl deshalb ist Müll aufsammeln auch die am häufigsten verhängte Strafe an deutschen Schulen, unabhängig vom „Vergehen“. Ist der Konflikt gravierend, muss eben mehr oder länger Müll aufgesammelt werden. 

Lehrpersonen halten Schülerinnen und Schüler im Sportunterricht fest, rollen „Störenfriede“ an, verweisen Sie der Klasse, schlagen mit dem Klassenbuch aufs Pult, wenn die Klasse zu laut ist, vergeben Strafarbeiten, zwingen zum Nachsitzen. Wo fängt Gewalt an?

 

„Gewalt“ ist kein festumrissenes Phänomen. Der Gewaltbegriff ist ebenso missbraucht, wie der Begriff „Liebe“ und Beziehungsarbeit hat ebenso unweigerlich mit „Liebe“ zu tun wie Gewalt mit „Beziehung“. Jeder hat die „Freiheit“, darunter zu subsumieren, was ihm gerade passt. Eine Annäherung an das soziale System „Schule“ könnte lauten: Gewalt ist zunächst, was individuell von den Betroffenen selbst als Gewalt erlebt wird, wobei vor allem den Geschädigten das Definitionsrecht zusteht. 

So problematisch diese Definition insbesondere in einem Abhängigkeitsverhältnis oder generationsübergreifend scheint, so differenziert muss im Einzelfall aus einer professionellen im Zweifelsfall strafjuristischen Distanz heraus entschieden werden. Gewalt herrscht in der Regel dort, wo es Opfer gibt, die sich als Opfer fühlen.

Schüler- und Lehrergewalt ist in der Hauptsache verbale Gewalt. Machtmissbrauch erscheint mir deshalb als Oberbegriff geeignet. Unter Machtmissbrauch von Lehrern verstehe ich pädagogisch nicht gerechtfertigte Machtausübung. Macht definiere ich als jene Jones, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen. Oft vergessen wir bei diesen Diskussionen, dass Gewalt als eine sehr oft erfolgreiche Konfliktlösungsstrategie und in unserer Gesellschaft omnipräsent ist.

Ort der Gewalt, die Kinder und Jugendliche trifft, ist allerdings selten der öffentliche Raum, noch seltener die Schule: die Gewalt geschieht in der Privatheit der Wohnung, in der Paarbeziehung beziehungsweise der Familie.

Gewaltfreie Räume oder eine gewaltfreie Schule hat es in unserer Gesellschaft nie gegeben und wird es auch künftig nicht geben. Bis vor wenigen Jahrzehnten ging Gewalt an der Schule in größerem Maße von „züchtigenden“ Lehrkräften aus, heute bleibt die physische Gewalt in aller Regel auf die (zumeist männlichen) Lernenden beschränkt, wobei es Anzeichen gibt, dass die Weiblichen aufzuholen scheinen.

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Herzliche Grüße

Uwe Trevisan


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